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Alternative Proteine in Deutschland: Wie kann das volle Wachstumspotenzial ausgeschöpft werden?

  • Laura Bentz, Lena Jarzyk & Mascha Lepke
  • 21. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Mai

Klimawandel, schwankende Märkte, veränderte Ernährungsgewohnheiten – die Landwirtschaft steht unter Druck. Immer mehr Menschen in Deutschland essen weniger Fleisch, gleichzeitig wächst der Bedarf an nicht-tierischen Proteinquellen. Das stellt landwirtschaftliche, insbesondere tierhaltende Betriebe vor eine grundlegende Frage: Weitermachen wie bisher? Oder den Wandel aktiv mitgestalten und von diesem profitieren?

Genau hier setzt das SoeTRA-Projekt an: Es untersucht, was Landwirtinnen und Landwirte dabei unterstützen kann, sich einer (Teil-)Umstellung hin zu sogenannten alternativen Proteinen zu öffnen und diese erfolgreich umzusetzen. Und es fragt: Welche Rahmenbedingungen brauchen landwirtschaftliche Betriebe, damit dieser Schritt gelingen kann?  


Aber was sind eigentlich „alternative Proteine“?

Darüber wird noch diskutiert. Wir im SoeTRA-Projekt orientieren uns daher an einer klaren Checkliste: Als alternative Proteinquelle gilt, was nicht-tierischen Ursprungs ist, mindestens 12 Prozent Rohprotein enthält (gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006) und ein erhöhtes Nachhaltigkeitspotenzial aufweist. Insekten und In-vitro-Fleisch fallen damit (zumindest im Rahmen des SoeTRA-Projektes) raus. Was hingegen dazuzählt ist vielfältig: Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen und Sojabohnen, Buchweizen, Pilze, Nüsse, Ölfrüchte, Mikroalgen und vieles mehr (s. Abbildung).

 

Abbildung 1: Eigene Darstellung der Kategorisierung von alternativen Proteinquellen im Zuge des SoeTRA-Projektes

Der Wandel auf unseren Tellern ist messbar:

Der Fleischkonsum in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich gesunken: von 61 kg pro Kopf im Jahr 2018 auf rund 53 kg in den Jahren 2022 bis 2024. Gleichzeitig hat sich die Nachfrage nach Fleisch- und Milchalternativen zwischen 2017 und 2021 fast verdreifacht. Deutschland ist damit Europas größter Markt für pflanzenbasierte Proteine, mit einem Einzelhandelsumsatz von rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2023. Im Supermarkt sind vor allem pflanzliche Alternativprodukte sichtbar. Doch der Trend geht darüber hinaus: Auch klassische pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte und Quinoa verzeichnen höhere Verkaufszahlen – ein Zeichen für ein breiteres Umdenken in der Ernährung.


Zwischen Potenzialen und strukturellen Hürden:

Eine Diversifizierung hin zu alternativen Proteinen eröffnet landwirtschaftlichen Betrieben die Möglichkeit, ihr Anbauportfolio zu erweitern, ihre Resilienz gegenüber Preisschwankungen zu erhöhen und ihre Abhängigkeiten entlang der Lieferkette zu verringern. Eine besondere Chance Deutschlands liegt dabei nicht nur in der Lebensmittelproduktion selbst, sondern auch im Maschinenbau: Fermentationsanlagen und Verarbeitungsmaschinen haben auf dem Weltmarkt enormes Potenzial.

Auch aus ökologischer Sicht lohnt sich der Blick auf alternative Proteine: Viele von ihnen verursachen deutlich weniger Treibhausgase, schonen den Boden und fördern die Biodiversität. Besonders Leguminosen wie Erbsen oder Linsen können sogar Stickstoff im Boden binden und so den Einsatz von Düngemitteln reduzieren. Die positive Ökobilanz muss allerdings differenziert betrachtet werden: So gelten Mikroalgen bislang als besonders energieintensiv und weisen einen erhöhten Wasserverbrauch auf. 


Das zeigt, dass sich die Frage nach dem Potenzial von alternativen Proteinen komplexer gestaltet und bislang mehrere strukturelle Probleme die Entwicklung bremsen:

  1. Fehlende Verarbeitungskapazitäten: Heimische Rohstoffe können mangels Infrastruktur oft nicht effizient verarbeitet werden. Die Abnahmemengen sind oft ungewiss, was ein Hemmnis darstellt, da sich die Verarbeitungsmaschinen oft nur bei voller Auslastung rentieren. Die Folge ist ein klassisches Henne-Ei-Problem: Ohne ausreichendes Angebot keine stabilen Märkte – ohne Märkte keine Investitionen. Dieses Muster zeigt sich sowohl bei etablierteren Kulturen wie der Sojabohne als auch bei neueren wie Mikroalgen.

  2. Fragmentierte Wertschöpfungsketten und unzureichende Vernetzung: Die beteiligten Akteure sind häufig nur schwach miteinander vernetzt, räumlich verteilt und unzureichend koordiniert. Die zentrale Herausforderung besteht darin, ein integriertes System aufzubauen, in dem Landwirtschaft, Verarbeitung und Markt eng zusammenwirken – ähnlich wie bei der Sojabohne, deren Wertschöpfungskette weiter unten näher beleuchtet wird.

  3. Skepsis und fehlendes Wissen in der Bevölkerung: Viele Menschen verbinden pflanzliche Alternativprodukte wie Fleischimitate aus Erbsenproteinisolat mit „Ultraverarbeitung" und stehen neuen Herstellungsverfahren skeptisch gegenüber. Gleichzeitig fehlt das Wissen über Verarbeitung und Möglichkeiten von Lebensmitteln, die in den letzten Jahrzehnten eine untergeordnete Rolle in der Ernährung gespielt haben, wie beispielsweise Hülsenfrüchte. Diese Faktoren wirken sich negativ auf die Nachfrage aus.

  4. Abgekühlte Wachstumsdynamik: Die zunächst sehr optimistischen Wachstumsprognosen für alternative Proteine haben sich zuletzt nicht im erhofften Tempo erfüllt. Inflation, der Ukrainekrieg und allgemeine Marktunsicherheiten bremsten vor allem öffentliche Investitionen und Skalierung. Allerdings gingen die Finanzierungen deutlich stärker zurück als die Nachfrage.

  5. Regulatorische Hürden und fehlende politische Rahmenbedingungen: Was den Betrieben und dem Sektor fehlt, sind verlässliche Rahmenbedingungen, die Planbarkeit und private wie öffentliche Investitionen auch über Legislaturperioden hinaus ermöglichen. Hierzu beitragen könnte eine Gesamtstrategie der Bundesregierung, anstelle der bisherigen Ressortstrategie zu Eiweißpflanzen des BMLEH. Dänemark zeigt mit seiner 2023 ausgearbeiteten Gesamtstrategie, die konkrete Vorgaben für die öffentliche Beschaffung enthält, wie das aussehen kann. Hinzu kommen langwierige regulatorische Hürden, etwa bei In-vitro-Fleisch und Fermentation durch die EU-Novel-Food-Verordnung für neuartige Lebensmittel.

  6. Unzureichende Forschungsförderung: Im europäischen Vergleich ist die Forschungsförderung in Deutschland gering, was innovative Produktionsverfahren bremst. Während Dänemark über 90 Millionen Euro investiert, sind es in Deutschland nur 55 Millionen Euro. Besonders deutlich wird dies bei der Züchtung von verbessertem Saatgut, die sich bislang vor allem auf ertragsreiche cash crops wie Weizen mit sicheren Absatzmärkten fokussiert hat. In Verbindung mit den fehlenden Verarbeitungskapazitäten trägt das dazu bei, dass Importe meist günstiger und qualitativ hochwertiger sind und die deutsche Nachfrage primär aus dem europäischen Ausland gedeckt wird.


Ein Blick in die Praxis zeigt zudem:

Die Ausgangsbedingungen für die Umstellung sind je nach Kultur, Region und Betriebsstruktur unterschiedlich, sodass sich auch die Betriebslandschaft im Bereich alternativer Proteine in Deutschland dynamisch weiterentwickelt.[1] So prägen in Süddeutschland viele kleinere Betriebe mit lokaler Verarbeitung das Bild, während in den neuen Bundesländern aufgrund des DDR-Erbes häufig größere Betriebsstrukturen dominieren. Gleichzeitig unterscheiden sich auch die Anforderungen der Proteinquellen. Während Fermentation und Kultivierung vergleichsweise standortunabhängig sind, wird Soja bislang vor allem im Süden Deutschlands angebaut, wobei steigende Temperaturen und neue Züchtungen auch in weiteren Teilen Deutschlands neue Möglichkeiten eröffnen.

Am Beispiel der Sojabohne zeigt sich auch, wie sich regionale Wertschöpfungsketten für alternative Proteine entwickeln können: Besonders in Süddeutschland haben gute Anbaubedingungen und passende Sorten viele Betriebe bewegt, in die heimische Sojaproduktion einzusteigen. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass sich über die Jahre auch weitere Akteure entlang der Wertschöpfungskette angesiedelt haben, wodurch Betriebe ihre Ernte an externe Verarbeiter, beispielsweise die Tempehmanufaktur in Bayern, abgeben können (s. Abbildung). So entstehen regionale Strukturen, die dazu beitragen, den oben genannten Herausforderungen fragmentierter Wertschöpfungsketten und fehlender Verarbeitungskapazitäten entgegenzuwirken.

Auch eine langjährige politische Unterstützung hat zu dieser Entwicklung beigetragen. Soja wird mittels der Eiweißpflanzenstrategie des BMLEH seit 2012 politisch gefördert, zunächst als Futtermittel und inzwischen auch für die menschliche Ernährung. Darüber werden auch Projekte wie das LeguNet gefördert, die gezielt den Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten und Netzwerke unterstützen. Das Beispiel Soja zeigt also, was möglich ist, wenn passende Ausgangsbedingungen, gewachsene regionale Strukturen und langfristige politische Unterstützung ineinandergreifen – Voraussetzungen, die bei anderen Kulturen bisher häufig noch in den Anfängen stecken.

Abbildung 2: Beispielhafte systematische Darstellung einer Wertschöpfungskette im Bereich alternativer Proteine am Beispiel der Sojabohne

 

Das Bundeslandwirtschaftsministerium setzt mit dem Chancenprogramm Höfe ein politisches Signal: Es richtet sich gezielt an Betriebe, die von der Tierhaltung auf die Produktion innovativer, klimafreundlicher Lebensmittel umsteigen wollen. Auch die Eiweißpflanzenstrategie des BMLEH, die Ernährungsstrategie „Gutes Essen für Deutschland" und die Ernährungsempfehlungen des DGE weisen darauf hin, dass wir mehr pflanzliche und nicht-tierische Lebensmittel konsumieren sollten und zeigen, dass die Politik das Thema erkannt hat. Doch Anerkennung allein reicht nicht – es braucht Planbarkeit und verlässliche Unterstützung für alle, die den Wandel aktiv mitgestalten. Die Sorge vieler Landwirtinnen und Landwirte ist berechtigt: Ohne klare Einkommensperspektiven, längerfristige Lieferverträge und Preisgarantien ist eine Investition in neue Kulturen häufig zu riskant.


Und hier kommt SoeTRA ins Spiel:

In den kommenden Beiträgen schauen wir uns genauer an, wie sich die unterschiedliche Betriebsformen bzw. -arten auf die Gestaltung der Umstellungsprozesse auswirken, wie die verschiedenen Wertschöpfungsketten konkret funktionieren und welche politischen Rahmenbedingungen notwendig sind. Dabei werden die im Projekt gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse kontinuierlich mit eingebunden.



[1] Hierbei kann bspw. zwischen Ackerbaubetrieben mit einem Fokus auf Körnerleguminosen und Ölsaaten; Veredlungsbetrieben mit Verarbeitung von Hülsenfrüchten; Grünlandbewirtschaftung zur Gewinnung von Proteinen aus Grassäften; Indoor-Farming / Vertical Farming für Pilze, Algen oder pflanzliche Proteinquellen, die eine kontrollierte Umgebung benötigen, unterschieden werden.

 
 
 

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