Reicht Geld allein? Was Wissen, Netzwerke und Werte für den Wandel in der Landwirtschaft bedeuten
Aktualisiert: 30. Sept.
Mehr Proteinvielfalt in der Landwirtschaft entsteht nicht allein durch wirtschaftliche Anreize. Auch wenn die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen, stellt sich für landwirtschaftliche Betriebe die Frage: Was braucht es, damit eine Veränderung tatsächlich ausprobiert und umgesetzt wird?
Wer beispielsweise Pseudogetreide, Hülsenfrüchte, Pilze oder andere vielfältige Proteinquellen anbauen möchte, muss einschätzen können, was unter den eigenen Bedingungen funktioniert. Der Austausch mit anderen kann dabei helfen, Erfahrungen zu teilen, Unsicherheiten zu verringern und neue Perspektiven zu gewinnen. Auch persönliche Werte beeinflussen, ob ein neuer Ansatz für den eigenen Betrieb als sinnvoll erscheint.
Welche Bedeutung diese Faktoren für den Wandel in der Landwirtschaft haben, zeigt die im Rahmen von SoeTRA durchgeführte Literaturauswertung. Im Mittelpunkt stehen dabei Wissen und Erfahrung, Zusammenarbeit und soziale Netzwerke sowie Motivation, Werte und Einstellungen.

Zur Studie:
Die Grundlage für diese Ergebnisse bildet eine systematische Literaturanalyse von Julia Weidtmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fliedner Fachhochschule. Im Rahmen des SoeTRA-Projekts hat sie internationale Studien zu Treibern und Hemmnissen landwirtschaftlicher Transformation ausgewertet.
Warum Wirtschaft und Finanzierung dabei so ausschlaggebend sind, erfahrt Ihr im letzten Blogartikel.
Wie viel hängt von Wissen und Erfahrung ab?
Wer neue Kulturen oder Bewirtschaftungsweisen ausprobieren möchte, braucht zunächst neues Wissen, das über die etablierten und produktivitätsorientierten Verfahren hinausgeht. Dabei spielt vor allem erfahrungsbasiertes und standortspezifisches Wissen eine Rolle. Doch dieses lässt sich nur zu Teilen über Aus- und Weiterbildungen erwerben und entsteht größtenteils durch Ausprobieren auf dem eigenen Hof und den Austausch mit anderen Landwirtinnen und Landwirten.
Hinzu kommt, dass berufliche Aus- und Weiterbildungen neuere Themen wie ökologischen Pflanzenschutz oder digitale Anwendungen häufig nur unzureichend abdecken. Auch fehlt oft die Zeit für Schulungen, insbesondere wenn passende Angebote in der eigenen Region kaum vorhanden sind. So nennt jeder fünfte Betrieb, der pflanzliche Proteinquellen anbauen könnte, fehlendes Fachwissen und Erfahrung als Grund, warum er es bislang nicht tut.
Erfolgreiche Erfahrungen mit Innovationen, gezielte Weiterbildungen sowie Lernbereitschaft und Offenheit senken wiederum die Hemmschwelle für Umstellungen. Gleichzeitig kann jahrelange Praxiserfahrung auch dazu führen, dass unbewährte Verfahren vorsichtiger bewertet werden. Wie viel Fachwissen eine Umstellung erfordert, hängt zudem vom Betriebszweig ab. In der Tierhaltung dient neue Technik vor allem der Arbeitserleichterung, im spezialisierten Gemüsebau braucht es mehr Fachwissen, etwa für digitale Systeme für Anbauentscheidungen.
Warum sind Zusammenarbeit und Netzwerke so wichtig?
Landwirtschaftliche Veränderungen entstehen selten allein auf dem einzelnen Betrieb. Besonders der direkte Austausch mit anderen Landwirtinnen und Landwirten kann Unsicherheiten reduzieren. Denn praktische Beispiele von anderen Betrieben können Vorbehalte abbauen und machen greifbar, wie neue Praktiken, etwa der Einstieg in den Anbau von Soja oder Erbsen unter realen, regionalen Bedingungen funktionieren kann.
Neben Austausch spielt auch praxisnahe Beratung, etwa durch Landwirtschaftskammern, eine wichtige Rolle für den Wandel, indem sie wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Programme und praktische Erfahrungen miteinander verbindet. Besonders wirksam ist sie, wenn sie an die konkreten Bedingungen eines Betriebs anknüpft, regional verortet ist und mit Feldbesuchen oder Demonstrationsbetrieben verbunden wird. Netzwerke müssen dabei nicht auf den Austausch zwischen Betrieben beschränkt bleiben. Auch Kontakte zu Forschung, Verwaltung oder anderen Branchen können neue Möglichkeiten eröffnen.
Praktisch helfen Netzwerke außerdem dabei, Maschinen, Lagerung, Transport und Verarbeitung gemeinsam zu organisieren und so Kosten und Risiken zu teilen. Genossenschaften und Erzeugergemeinschaften können die Verhandlungsmacht einzelner Betriebe gegenüber großem Abnehmer stärken und gemeinsame Lösungen für Vermarktung, Verarbeitung und Infrastruktur entwickeln. Auch Kooperationen mit Verarbeiterinnen und Verarbeitern, dem Handel und Verbraucherinnen und Verbrauchern können neue Produkte, Absatzwege und regionale Wertschöpfungsketten schaffen.
Doch nicht jede Form der Zusammenarbeit gelingt automatisch. Fehlendes Vertrauen, Konkurrenz oder der Druck, sich an etablierte Vorstellungen guter landwirtschaftlicher Praxis anzupassen, können Veränderungen erschweren. Kooperationen tragen vor allem dann, wenn die Beteiligten Ziele und Werte teilen und institutionelle Unterstützung vorhanden ist.

Was motiviert Landwirte und Landwirtinnen zu Veränderung?
Neben finanziellen Anreizen, neuen Absatzmöglichkeiten oder politischen Förderungen spielen insbesondere persönliche Werte und Überzeugungen eine zentrale Rolle für den Wandel in der Landwirtschaft. Wenn zum Beispiel Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt einen hohen Stellenwert hat, kann das die Bereitschaft zu nachhaltiger Bewirtschaftung stärken. Unsere Analyse zeigt auch, dass das eigene Verständnis davon, was gute Landwirtschaft ausmacht, vielfältiger wird. Neben hohen Erträgen gewinnen für viele Betriebe ökologische Ziele, artgerechte Tierhaltung und ein schonender Umgang mit Ressourcen zunehmend an Bedeutung.
Auch Risikobereitschaft und Offenheit bestimmen wie Landwirtinnen und Landwirte mit Ungewissheit umgehen. Während Risikoaversion und die Angst vor Ertragseinbußen Innovationen hemmen, ermöglichen Offenheit und eine positive Fehlerkultur das Experimentieren mit neuen Techniken oder Kulturen, wie beispielsweise erste Anbauversuche mit Kichererbsen.
Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Frage nach Wohlbefinden und Arbeitsbelastung. Wo der Alltag ohnehin durch körperliche und mentale Belastung, wirtschaftlichen Druck und Planungsunsicherheit geprägt ist, fehlen oft die zeitlichen und emotionalen Ressourcen für Veränderung. Besonders Frauen, die Hof- und Sorgearbeit häufig gemeinsam stemmen, sind von dieser Doppelbelastung überdurchschnittlich betroffen. Mehr als jede fünfte Frau in der Landwirtschaft leidet unter Burnout-Symptomen. Am Ende kann so auch der Wunsch nach mehr Lebensqualität und Arbeitszufriedenheit zum Antrieb werden, wenn eine Umstellung den Betriebsalltag langfristig entlasten würde.
Auf einen Blick:
Neues Wissen entsteht vor allem durch praktisches Ausprobieren auf dem eigenen Betrieb und im Austaush mit anderen Landwirtinnen und Landwirten
Netzwerke und der Zusammenarbeit mit anderen sowie praxisnahe Beratung können Veränderungen erleichtern und Unsicherheiten verringern
Persönliche Werte, das eigene Selbstverständnis und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, entscheiden mit darüber, ob und wie Wandel gelingt
Wirtschaft und Finanzierung, wie wir sie im letzten Blogartikel beleuchtet haben, entscheiden mit darüber, ob sich eine Umstellung zu vielfältigen Proteinen rechnet. Ob ein Betrieb sie am Ende aber tatsächlich angeht, hängt genauso von Wissen, Austausch und der eigenen Überzeugung ab.
Den Unterschied macht am Ende also selten eine einzelne Maßnahme, sondern ob Betriebe die Möglichkeit haben, sich praxisnahes Wissen anzueignen, sich mit anderen auszutauschen und Vertrauen in die eigene Entscheidung zu gewinnen. Genau hier können Beratung und Förderprogramme ansetzen.
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